Mit dem Blick auf das Meer

Mit dem Blick auf das Meer

Es  beginnt langsam, die ersten sind die weit entfernten Boote. Sie werden als erste sachte von der hereinrollenden Flutwelle angehoben, zunächst nur die Heckseiten, dann erfasst das ansteigende Wasser die gesamten Rümpfe und schließlich schwimmen die Schiffe auf und drehen sich um die Anker, an denen sie vertäut liegen. Das Geschehen ist nicht nur in der Bretagne täglich dasselbe, hier ist jedoch der Wechsel von Ebbe und Flut besonders eindrucksvoll. Der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser beträgt bis zu 14 m – zum Vergleich: In Wilhelmshaven sind es etwa 3,8 m.

Stundenlang kann ich das Schauspiel beobachten, was gibt es Herrlicheres als es von einem Restaurant im bretonischen Cancale mit dem Blick auf den Mont-Saint-Michel in der Ferne aus zu tun, während man auf die gewünschten Muscheln wartet? Schon werden die graufarbigen Austern mit Rotwein-Vinaigrette und Zitrone serviert. Bestellt habe ich einen Weißwein, der sich als formidable herausstellt und mit geringer Säure an Pfirsich erinnert. Nein, ich werde den Muscadet (vgl. Die Welt 14.11.2011). nicht für zuhause kaufen, im Urlaub – und nur da – hält er, was er verspricht. So liest man es zumindest. Für den zweiten Gang habe ich mich für marinierte Miesmuscheln entschieden, ein Berg schwarzer Schalen türmt sich schließlich vor mir auf. Sie werden wie die Austern direkt aus dem weiträumigen Wattenmeer geerntet, wo der Tidenhub und das vergleichsweise warm temperierte Klima großflächige Kulturen erlauben.

Abgerundet wird das Mahl mit einem Portiönchen Mousse au Chocolat. In diesem Ambiente auf der Terrasse des Restaurants mit Blick auf die bei Flut auf den Wellen tanzenden Boote schmeckt es fantastisch und deutlich besser als zuhause. Ganz sicher.

Der Ober bietet mir abschließend einen Kaffee an, den ich gerne annehme. Das Getränk kommt klein, stark und schwarz daher, mit einem sehr kleinen Keks und zwei Stangentüten Zucker. Beide bleiben bei mir zu, auf den Keks habe ich es abgesehen. Viel mehr bedarf es heute nicht mehr.

Glücklich an den Wein denkend bezahle ich mit zwei blaue Scheinen, es hat sich gelohnt. Wann kann man das schon erleben – Austern, Miesmuscheln und den Blick auf das Meer in einer warmen Brise? Das Wegsein lässt Herausforderungen zuhause klein erscheinen, Lösungswege leichter finden. Kompliziertes wird transparent und verliert an Wichtigkeit. Eine kindliche Freude drängt sich nach vorn, wie schön! Die Erinnerung gibt noch lange Kraft im Arbeitsalltag. 

Weitere Information

Paradies für Austernliebhaber: Genusstour durch Cancale in der Bretagne (Deutschlandfunk 09.10.16)

(Klicken Sie auf die Bilder!)

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